StartseiteHintergründePerlenherstellung

Herstellung von Glasperlen über offenem Feuer – Früher und Heute

Bei der Fertigung von Glasperlen über offenem Feuer ist unser Ziel zu erklären, wie man mit einfachen, aber archäologisch nachweisbaren Mitteln der Wikingerzeit Glas zu Perlen gleich denen der Ur- und Frühgeschichte herstellen kann.

Nachweise der Perlenherstellung in der Archäologie
In der Archäologie gibt es Faktoren, die als Nachweis für die Perlenherstellung gelten. Einzelfunde werden in der Regel nicht als Nachweis betrachtet, erst die Summe, vor allem der Zusammenhang, zeigt ob die Möglichkeit der Perlenherstellung gegeben ist.

Zu diesen Faktoren zählen:

- Rohmaterial zur Perlenherstellung
- Unfertige oder misslungene Perlen
- Produktionsabfall
- Werkzeuge
- Feuerstellen
- die Übereinstimmung von Rohmaterial, Unfertigen/misslungenen Perlen und
Produktionsabfall mit gelungenen Perlen

Vorführung bei den Wikingertagen in Oerlinghausen



Rohmaterial
Für die Herstellung von Glasperlen ist Glas notwendig.
Als Rohmaterial gelten an den Fundplätzen Glasbrocken, Scherben oder Glasstäbe.

Unfertige oder misslungene Perlen
Unfertige Perlen entstehen durch Fehler bei der Fertigung, die den Handwerker dazubringen die Verarbeitung abzubrechen.
Misslungene Perlen sind z.B. Perlen mit einem zugeschmolzenen Tunnel.


Produktionsabfall
Zum Produktionsabfall zählen Reste von Glasstäben, Glastropfen sowie Glasfragmente mit Bearbeitungsspuren.

Die Glasstäbe sind ein- oder mehrfarbig und sind als Reste von längeren Glasstäben anzusprechen. Manchmal sind es auch die Reste vorbereiteter Fadenauflagen oder Mosaikmuster.

Tropfen mit Abdrücken entstehen zum Beispiel, wenn ein Glas "abschmilzt" während es vom Handwerker noch gehalten wird - und der Hanwerker das Glas dann in das Feuer fallen lässt.

Glasstücke mit Bearbeitungsspuren lassen sich in zwei Hauptkategorien mit unterschiedlicher Entstehungsgeschichte einteilen.
“Glasperlen mit Zangenabrücken“ entstehen z.B. wenn ein Glasstab an einem Ende erwärmt und dieses mit einer Zange gegriffen wird, um beispielsweise einen Glasfaden zu ziehen.
„Glasstücke mit Metalloxiden im Kern“ entstehen, wenn ein größeres Stück Glas oder eine Scherbe mit einer Zange gegriffen, erwärmt und dann um einen Metallstab gewickelt wird. Mit der „Scherbe an Stange“ können dann direkt Perlen gefertigt werden.

Die Werkzeuge
Da für die Fertigung von Perlen nur wenige Werkzeuge notwendig sind - könnte dies die folgenden wenigen Funde an den bekannten Werkstätten erklären?

Essestein (Fundort: Ribe)
In einer Ecke der Feuerstellen wurde ein Tongegenstand gefunden. Er ist etwas kräftiger als ein Webgewicht und auf einer Seite verglast. Vermutlich wurde er als Essestein genutzt. Der Essestein hat die Funktion die Tülle des Blasebalg zu schützen.

Perlendorn (Fundort: Ribe, Helgö)
Eiserne Perlendendorne sind aus Ribe und Helgö bekannt. Während dem kleinen Stück von Helgö eine Perle anhaftet, misst der aus Ribe 29,5cm und besitzt einen Holzgriff.

Eisenpfanne (Fundort: Ribe)
Der Verwendungszweck der Eisenpfanne konnte bisher nicht einwandfrei geklärt werden.
Eine Pfanne dieser Art eignet sich aus unserer Sicht z.B. zum Ablegen von Glasklumpen, Stäben für Musterauflagen oder auch als Ablagefläche für Glassplitter. Wenn dann eine glühende Perle über diese gerollt wird, nimmt diese die Splitter auf.
Da dies jedoch nicht nachgewiesen werden kann, könnte selbst diese kleine Pfanne lediglich ein Küchenutensiel gewesen sein.

Mörser (Fundort: Ribe)
Besser gesagt ein faustgroßer Stein mit Vertiefung, wie sie einem Mörser ähnlich ist. In der Praxis zeigte sich, das man in dieser Vertiefung –fast- ohne Probleme Glasreste weiter zerkleinern kann.

Knochenspatel/Löffel? (Fundort: Ribe)
Der Verwendungszweck dieses Spatels oder Löffels ist nicht geklärt. Vielleicht wurde er zum anrühren eines Trennmittels (wenn verwendet) genutzt, oder er war ein Teil einer langen Pinzette?

Die Feuerstellen
Um Perlen herzustellen wird ein Arbeitsplatz mit genügend Wärmezufuhr benötigt. Diese Bereiche sind nur beispielsweise in Haithabu und Ribe zu erkennen.

Der Befund in Ribe:
In Ribe wurde auf einem Areal von 4,4m Breite und einer nicht bestimmten Länge 2 Herdstellen entdeckt. Die genauen Abmessungen des Werkstättenareals sind nicht bestimmbar, da Teile außerhalb des Grabungsgebietes lagen und zum Teil später umgegraben worden sind.
Die Feuerstellen waren in 2 Horizonten übereinander, lediglich von einer Sandschicht getrennt. Die Abmessungen betrugen 50-60 mal 25-30cm.
Beide Feuerstellen waren aus einem Ton-Schamott-Gemisch. Die ebenen Oberflächen dieser Feuerstellen lassen keine Vertiefungen oder erhöhte Ränder erkennen.

Der Befund in Haithabu
In Haithabu wird für mehrere Areale die Verarbeitung von Glas angenommen, bzw. als nachgewiesen angesehen.
Jedoch wurde nur eine Feuerstelle entdeckt. Die Bezeichnung „Feuerstelle“ für ein etwa 2,0x1,3m durch bis zu kindskopfgroße Steine gesäumtes ovales Areal mit festgestapften und gebranntem Lehmfußboden ist, zugegeben, eher unzutreffend.
Die Funktion als 2-Kammer-Schmelzofen zur Glasherstellung galt bereits 1913 bei seiner Entdeckung durch F. Knorr als gesichert.
Leider steht diese Anlage heute nicht mehr zur Verfügung, da die frühen Ausgrabungs- und Konservierungstechniken den Befund nicht erhalten konnten.

Beide „Feuerstellen“ weisen eine Vielzahl von Rohmaterial, Halb-, Fehl- und gelungen Perlen auf, die mit den Funden in der Siedlung überstimmen.

Neue Erkenntnisse über das Handwerk der Glasperlenherstellung können die weiteren Untersuchungen in Haihtabu bringen. Hier wurde in ein Kuppelofen in einem Grubenhaus in der zweiten Bauphase ein Kuppelofen ausgegraben. Literatur ist hierzunoch nicht verfügbar, aber anhand der Fundzusammenhänge schließt man auf einen Arbeitsplatz zur Glasperlenherstellung.

Übereinstimmung von Rohmaterial, Unfertigen/misslungenen Perlen und Produktionsabfall mit gelungenen Perlen
Als wichtiger Nachweis gilt ebenso, das Rohmaterial, unfertige und/oder misslungene Perlen und mit Perlen des Fundortes übereinstimmen.


Vorführung des Handwerks oder: die Kompromisse an die Neuzeit
Da wir nicht darauf abzielen Glas oder Glasgefäße selber herzustellen, verwenden wir für die Vorführung der Gasperlenherstellung eine kleine einfache Feuerstelle wie in Ribe, deren Hitze durch Sauerstoffzufuhr mit einem Blasebalg intensiviert wird.
Dazu ist sie innerhalb kurzer Zeit auf- und abzubauen. Das Glas beziehen wir vorgefärbt, wie es wohl auch damals für das verarbeitende Handwerk vorstellbarist.,
Da unsere Dorne zum Aufnehmen des Glases länger als 30cm sind, verzichten wir auf zusätzliche Holzgriffe ;)
Somit stimmen unsere verwendeten Materialien und der Arbeitsplatz mit den Befunden überein.

Literatur:
Zu den Befunden in Ribe:
M. Bencard, Wikingerzeitliches Handwerk in Ribe; Acta Archaeologica S. 124 bis ?
Tine Gam Aschenbrenner: Glasperlefremstilling i yngre jernalder og vikingetid in: Eksperimental Arkaeologi1991, Studier teknologi og Kultur, Lejre 1991

Zu den Befunden in Haithabu:
Steppuhn, Peter: Die Glasfunde von Haithabu, Neue Ausgrabungen in Haithabu,
Band 32; Verlag : Wachholtz, ISBN: 978-3-529-01932-6
wikipedia














@ Torben Barthelmie, 2003 - 2017